Auszeit

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Ich laufe nervös durch die Wohnung. Erholung? Brauche ich nicht. Endlich mal schlafen? Fehlanzeige. Irgendwas ist anders. Hier stimmt doch was nicht.

Papa ist schon seit drei Stunden mit dem Kind unterwegs. Die Großeltern besuchen. Ob wohl alles in Ordnung ist? Vielleicht ist ihnen etwas passiert. Sie sind schon so lang weg. Seit DREI Stunden. Hm, was mache ich nur?! Mich ablenken. Mal schnell ein paar Sachen erledigen. Bügeln, was für ein ungewohntes Gefühl. Einkaufen. Warten. Hm, noch mal einkaufen. Jetzt rufe ich aber mal an. Mist, keiner geht ran. Okay, weiter ablenken. Aufräumen. Juhu, das Telefon klingelt. Mein Mann fragt, ob es in Ordnung ist, wenn sie noch zur Uroma fahren. Nele hat schon geschlafen und gerade gegessen. Ich soll mir doch Sushi bestellen oder so. Es dauert bestimmt noch zwei, drei Stunden.

Für einen kurzen Moment frage ich mich, ob ich als Mutter überhaupt noch gebraucht werde. Die kommen wohl ganz gut ohne mich klar. So viele Stunden. Fühlt sich komisch an. Kann mich nicht dran erinnern, dass ich seit der Geburt mal so lange von meinem Kind getrennt war. Oder ich habe die wenigen Male vergessen, vor Müdigkeit. Das kann sein. Na gut, dann lege ich jetzt eben mal die Füße hoch. Ha, fühlt sich an wie Urlaub am Meer. Endlich mal Auszeit.

Happy Family

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Man stellt sich einmal folgende Szene vor: Mutter und Vater sitzen hübsch zurecht gemacht in hellen Gewändern im weiß bezogenen Ehebett, ihre drei Kinder – das jüngste ist noch ein Baby – turnen friedlich mit perfekt aufeinander abgestimmten, fleckenfreien Klamotten um sie herum. Alle sehen ausgeschlafen, zufrieden und erholt aus, Streit gibt es in dieser Familie nie, schlechte Laune schon dreimal nicht und die Kinder kleckern und krümeln in keinem Alter. Natürlich scheint auch noch die Sonne und das Sonnenlicht lässt die gesamte Familie erstrahlen und butterweich aussehen.

HALLO?!?! Wo ist das denn bitte Realität? Eigentlich ist es doch eher so:
Das Elternbett ist mit den unterschiedlichsten Kissen- und Bettdeckenbezügen in irritierendem Mustermix bezogen. Mama hatte keine Zeit, sich die Haare zu waschen und sitzt in Wohlfühlklamotten auf der Bettkante, während es sich die Hunde mitten im Bett bequem gemacht haben. Das Baby brüllt und hat erst recht keine Lust, sich auf dem Arm ruhig zu verhalten. Papas Schlaf-Shirt, das er noch trägt obwohl es schon Mittag ist, hat am Rücken noch Spuren von Babykotze und auf ein Familien-Shooting hat er sowieso keinen Bock. Die Laune sinkt. Alle sind genervt und möchten sich bei dem Gedanken an die weichgespülte Familie (ganz oben genannt) übergeben.

Okay, davon trifft nicht alles zu, aber Letzteres liegt deutlich näher an der Realität, als das einleitend genannte Beispiel. Von solchen Bilder, die einem im Netz zahlreich begegnen, bekommt frau doch sofort schlechte Laune, oder nicht? Wie soll man es je schaffen, dass alles tipptopp aufgeräumt ist, trotz Baby alle nachts ausreichend schlafen und sich das Kind am besten ab Geburt nur über der Toilette übergibt? Nein, danke, da lebe ich doch lieber glücklich in der Realität.

Los geht’s!

Kinderzimmerchaos

Fast acht Monate hat es gedauert das alltägliche Chaos anzunehmen und in ersten Anfängen tatsächlichen von ganzem Herzen und besonders mit voller Aufmerksamkeit Mama zu sein. Acht Monate voll schlafloser Nächte, Gefühlschaos, ungebügelter Wäscheberge, Unsicherheit, Erziehungsfragen, Hundehaaren auf der Couch, Liebe, zu wenig Zeit, mitreißendem Kinderlachen, Terminen, Wut, scheinbar grundloser Trauer und Verzweiflung. Die ersten Monate nach Neles Geburt im Januar habe ich mich so oft gefragt, warum mir keiner erzählt hat, dass sich nach diesem freudigen Ereignis (das in meinem Fall in einem nicht so erfreulichen Notkaiserschnitt endete) erstmal die Baby-Hölle auftut. Und ich möchte sogar meinen, dass wir ein durchschnittlich gut schlafendes Kind haben, das sich bestens entwickelt. Trotzdem waren die Nächte – und somit auch irgendwie die Tage – in den ersten Wochen alles andere als erfreulich. Ich war einfach nur müde und bin das oft auch heute noch. Die Erleichterung kam dann mit einer Mail, die ich in einem Moment purer Verzweiflung und völliger Übermüdung an eine andere Mama geschickt habe. Der Betreff lautete: „Mama am Limit“. Aus der Antwort-Mail, die ich bekam, sprach pure Erleichterung und Zustimmung. Es war so, als müsste sich nur mal einer trauen, die nicht so schönen Dinge auszusprechen und es wurde klar, ich bin nicht allein. Auch bei anderen Mamas und Papas läuft nicht alles superduper puderrosa und himmelblau. Das zu wissen, war die reinste Wohltat – nicht weil ich es ihnen nicht gönnen würde, sondern weil Austausch auf gleicher Ebene einfach so hilfreich und wohltuend ist.

Der Wille vorgeburtliche Freizeitbeschäftigungen und Rituale in das Mama-Dasein mitzunehmen war groß, übrig geblieben ist davon letztendlich aber nicht viel. Es wird nun also höchste Zeit für mehr Gelassenheit als Mutter und ein paar mehr dieser kleinen Strohhalme, an die ich mich klammere und die mich daran erinnern, dass ich eben nicht nur Mama, sondern auch Frau bin. Ich blogge, weil es mir Spaß macht und weil ich währenddessen ein paar Minuten Pause vom Vollzeit-Mama-Dasein einlegen kann. Ich möchte mich (noch) nicht auf Regelmäßigkeiten festlegen, denn meine Tochter braucht mich oft und dabei verfolgt sie keinen festen Zeitplan. Chaoshochzehn ist hauptsächlich eine Erinnerung an mich selbst, dass nicht immer alles perfekt sein muss. Lebewohl Perfektionismus, ab jetzt von Herzen unperfekt – los geht’s!